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Cordula Schubert, Ministerin für Jugend und Sport in der letzten Regierung der DDR

„Nach einem anstrengenden, kurzen Wahlkampf und der erfolgreichen Wahl als Abgeordnete der Volkskammer war es mein Ziel, dass die Einheit Deutschlands möglichst bald wiederhergestellt wird. Mit der Ernennung zur Ministerin für Jugend und Sport sah ich für mich eine sehr gute Gelegenheit, den Prozess aktiv mitgestalten zu können. Es war notwendig, demokratische Strukturen sowohl im Sport als auch in der Jugendarbeit aufzubauen. Der Sport war im Gegensatz zu anderen Bereichen in der DDR leistungsorientiert, aber durchsetzt mit regimetreuen Trainer/-innen und Sportler/-innen. Darüber hinaus mussten die Bedingungen für den Behinderten- und Breitensport verbessert werden. Aus meiner Sicht sollte es möglich sein, dass sich jeder, unabhängig von seiner Leistung, in einem Sportverein betätigen kann. Ferner war die Qualität der Sporteinrichtungen zu verbessern.

Im Bereich Jugend hatte die FDJ einen Alleinvertretungsanspruch. Hier war es mein Ziel, Pluralität bei allen Angeboten zu schaffen.

Inhaltliche Vorerfahrungen besaß ich durch meine langjährigen Aktivitäten in der Jugendarbeit auf der Ebene der katholischen Kirche und als Dekanatsjugendsprecherin. In Chemnitz hatte ich 1990 ebenfalls am Runden Tisch der Jugend gesessen. Außerdem war ich im Februar 1990 zur stellvertretenden Vorsitzenden der CDJ (Jugendorganisation der CDU) gewählt worden. Die Herausforderungen waren allerdings erheblich. Es fing schon mit einem fehlenden Telefonanschluss an. So habe ich erst bei meiner Anreise am 11. April 1990 zur Fraktionssitzung mitgeteilt bekommen, dass ich Ministerin werden sollte. Meine Eltern haben es aus dem Fernsehen erfahren.

Es war schwierig ausreichend qualifiziertes Personal zu finden. Zum Glück hatte sich für den Bereich Sport bereits eine Gruppe aus dem Runden Tisch des Sports in der DHfK in Leipzig gebildet, die Strukturen und Maßnahmen vorgeplant hatten und die sofort Aufgaben übernehmen konnten. Ihre Vorstellungen deckten sich mit meinen Vorstellungen von einem demokratischen Sportsystem. Im Bereich Jugend war es um ein Vielfaches schwieriger. In der DDR war Jugendarbeit weitestgehend nur über die FDJ möglich. Kirchliche Jugendarbeit fand zwar statt, erreichte aber nur eine geringe Minderheit. Darüber hinaus war ich aufgrund der allgemeinen Lage schnell der Auffassung, dass die ursprünglich angedachten zwei Jahre Übergangszeit nicht realistisch waren. Mitte Mai hatte ich meiner Überzeugung Ausdruck verliehen, dass wir noch 1990 eine gesamtdeutsche Wahl durchführen würden, und hatte medial dafür umfangreiche Prügel bezogen.

Im Bereich Sport hatten sich der DSP schon mit dem DTSB getroffen, und man wollte meine Mahnung zur Demokratisierung und Entidiologisierung nicht hören. Auch meine Forderung, die Dopingpraktiken aufzuarbeiten und belastete Trainerinnen und Trainer zu entlassen, blieb zunächst weitestgehend ungehört. Dazu kam, dass die in der DDR immer noch weit verbreiteten ehemaligen Staatsmedien, wie Junge Welt und Neues Deutschland, Stimmung gegen mich machten und gemeinsam mit einigen bundesdeutschen Funktionären forderten, dass sich die Politik, also ich, heraushalten sollte. Hier war Überzeugungsarbeit zu leisten. Die Diskussion läuft bis heute, ich hätte mir die Aufarbeitung wesentlich schneller gewünscht.

Die Arbeit war jeden Tag so anspruchsvoll, dass ich während dieser Zeit für eine Planung meiner anschließenden beruflichen Entwicklung keine Minute verschwendet habe.

In der CDU wurde ich im September 1990 bei der Aufstellung der Kandidatinnen und Kandidaten nicht berücksichtigt. Mir wurde entgegengehalten, dass Frau Schubert sich vor 1990 auch nicht in der CDU engagiert hätte. Dies hatte zur Folge, dass ich mich politisch wieder zurückzog.

Besonders berührt mich, wenn die DDR im Jahre 30 der Wiedervereinigung verklärt wird. „Es sei doch nicht alles schlecht gewesen.“ Sicher, auch im privaten Umfeld konnte man unbeschwert glücklich sein. Meinen Eltern bin ich dankbar, dass meine Kindheit unbeschwert verlaufen ist. Auch meine Entscheidung, nicht zur Jugendweihe zu gehen und damit Nachteile in Kauf zu nehmen, finde ich nach wie vor richtig.

Wenn es jetzt angesichts der Covid-19-Pandemie auf einmal nicht mehr möglich ist, zu reisen oder Freunde zu besuchen, und im Supermarkt – ich gebe zu auf hohem Niveau – leere Regale vorhanden sind oder die Polizei in Sachsen kontrolliert, wie weit man sich von seiner Wohnung entfernt hat, dann hoffe ich, dass wir die Selbstverständlichkeit der freien Bewegung, die es in der DDR nicht gegeben hat, wieder mehr schätzen. Die freiheitliche demokratische Grundordnung, in der wir leben, muss jeden Tag neu verteidigt werden. Die ehemaligen DDR-Bürger/-innen haben sie sich 1989/90 erkämpft. Es wird auch in den aktuellen Berichten über diese Zeit immer wieder deutlich, dass es nicht selbstverständlich war, dass diese Revolution friedlich verlaufen ist. Es erforderte Mut, sich daran zu beteiligen. Daher hoffe ich, dass nicht die Opportunisten die Oberhand gewinnen, sondern mutige Menschen, die nicht zuerst danach fragen, welchen Vorteil ihnen das eigene Handeln bringt.“