© Clara Bahlsen

Dr. Kerstin Brückweh, Historikerin:
Wendepunkt der Gesellschaftsgeschichte, aber eine Sternstunde?

„Die ersten freien Wahlen in der DDR stellten einen Wendepunkt dar, ohne Zweifel. Aus gesellschafts- und alltagsgeschichtlicher Perspektive ist dieses Datum im Gegensatz zum 9. November 1989 oder zum 3. Oktober 1990 das eigentlich charakteristische. Der 18. März steht für die Geschichte der friedlichen, ostdeutschen Überwindung der Diktatur und zugleich für den Beginn einer ambivalenten Zeit, in der die Gleichzeitigkeit der Unsicherheiten den Alltag beherrschte und die Euphorie des Umbruchs ablöste. Unsere Forschungen zur langen Geschichte der „Wende“ zeigen einen sehr deutlichen Unterschied: Auf der einen Seite stehen die Erwartungen an das bundesdeutsche System vor 1989, die sich auch auf den Stimmzetteln der Volkskammerwahlen niederschlugen, auf der anderen Seite die Erfahrungen seit 1990 mit der Bundesrepublik, mit Demokratie, sozialer Marktwirtschaft, aber auch mit Globalisierung, Digitalisierung usw. Dieses Auseinanderfallen von Erwartungen und Erfahrungen beeinflusst die Erinnerungen von heute und schließt die Bewertung des 18. März 1990 als glänzende Sternstunde meist nicht ein. Hier setzt unsere Forschung mit differenzierter Analyse verschiedener Lebensbereiche und Menschen ein und bietet Erklärungen jenseits großer Erfolgsgeschichten. Der 18. März könnte ein geeigneter Gedenktag sein, nicht für neue Schuldzuweisungen, sondern um die feierlichen, die bedächtigen und die kritischen Stimmen ins sachliche Gespräch miteinander zu bringen.“