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Dr. Dr. Petra Albrecht, Abgeordnete der letzten Volkskammer der DDR, PDS-Fraktion

„Die Zeit von 7. Oktober 1989 bis zum 2. Oktober 1990 war die spannendste und aufregendste Zeit in meinem Leben. Erst hatte ich nicht begriffen, worum es geht. Nach den sich schnell entwickelten Veränderungen und dem Rücktritt der DDR-Regierung sowie der Öffnung der Grenzen wollte ich eine PDS, keine SED mehr. Ich war Teil der Initiativgruppe PDS mit Lothar Bisky und nahm am Runden Tisch teil. Meine Kraft im Rechts- und Finanzausschuss sowie als Abgeordnete der letzten Volkskammer der DDR setzte ich für eine bessere DDR mit Reise-, Presse- und Versammlungsfreiheit ein. Nachdem das Parlament in Richtung Währungs-, Wirtschafts- und Staatsunion steuerte, wollte ich eine neue Verfassung für ein neues einheitliches Deutschland. Das ist alles nicht gelungen. Die Zeit um den 3. Oktober war wie ein Tsunami, der, was vielen Menschen lieb und teuer war, mit unbekanntem Ausgang mitriss. Die letzte Sitzung am 2. Oktober 1990 habe ich in schlechter Erinnerung. Da wollte keiner mehr vom Anderen etwas wissen, jeder versuchte nur noch sein Fell in die neue BRD hinüber zu retten. Die Veröffentlichung der Namen von Abgeordneten, die für das Ministerium für Staatssicherheit in der DDR arbeiteten, war unvollständig. Ich war sehr enttäuscht. Danach war mir mein Sohn wichtig, und ich ging nach Frankfurt a. M., wo ich ohne Netz und Beziehungen neu anfing. Im Leben muss jeder für sich selber geradestehen und sich entscheiden, ob es ihm um viel Geld und Macht oder um Freundschaft, Familie, Liebe und Solidarität geht. Beides lässt sich nicht vereinbaren. Wer beurteilt, was richtig oder falsch ist, wer lügt und betrügt, was die Wahrheit ist? Keiner kann das objektiv sagen. Jeder muss täglich seine Entscheidungen treffen. Jeder trägt die Verantwortung für sein Leben selber. Das ist seine Freiheit. Ich wünsche unserer Jugend mehr Optimismus, Liebe und Freundschaft für mehr Frieden im Interesse unseres Erdballs und aller Menschen. Nie den Mut verlieren und an die eigene Kraft glauben! Sich nicht von Gier und Eifersucht treiben zu lassen. Weniger Konsum und mehr Verzicht tut allen gut. Es sollte mehr an Arme und Kinder verteilt werden, denn alle 20 Sekunden stirbt ein Kind an Hunger. Jeder muss seine eigenen Erfahrungen machen und unsere Taten werden später anders von unseren Nachkommen beurteilt, als wir sie erlebt haben.“