© Emanuela Danielewicz

© BArch, Bild 183-1990-0226-016 / Rainer Mittelstädt, 26.02.1990

Markus Meckel, Außenminister in der letzten Regierung der DDR

„Der 18. März 1990 hat es schwer unter den deutschen Gedenktagen. Rückblickend können wohl die wenigsten heute noch erklären, warum es eigentlich vier Monate nach dem Mauerfall 1989 noch Wahlen in der DDR gegeben hat. Das übliche öffentliche Gedenken kann das jedenfalls nicht erklären. Da wird an die Hunderttausenden auf den Straßen der DDR im Herbst 1989 erinnert, dann an den Mauerfall am 9. November. Schließlich wird dann hervorgehoben, wie Kanzler Kohl, unterstützt von Präsident Bush, die Gunst der Stunde begriff und es ihm gelang, die Zustimmung Gorbatschows für die deutsche Einheit zu erlangen. Doch: Ist das wirklich unsere Geschichte?

Was aber nun mit dem 18. März 1990?

Zuerst steht er für den Sieg von Freiheit und Demokratie in der DDR! Diese freie Wahl markiert den Sieg der friedlichen Revolution, in welcher sich die DDR-Bürger – gemeinsam mit den anderen Völkern Mitteleuropas – von der kommunistischen Diktatur befreit haben und eine parlamentarische Demokratie errichteten. Gorbatschow hatte mit der Perestroika diese Räume der Selbstbestimmung eröffnet, die Länder Mitteleuropas und die DDR ergriffen diese Chance zur Selbstbefreiung.

Der Zentrale Runde Tisch hatte die Voraussetzungen für die freie Wahl geschaffen. Wie die Kerzen des Herbstes 1989 wurde er zum Symbol für die Gewaltlosigkeit dieses Umbruchs. Nach Jahrzehnten der kommunistischen Diktatur wurde die DDR mit der freien Wahl am 18. März durch die Selbstbefreiung ihrer Bürgerinnen und Bürger zu einer Demokratie.

Die DDR war aber eben nicht nur eine Diktatur gewesen, sondern war Teil Deutschlands, das nach dem Zweiten Weltkrieg und all den furchtbaren Verbrechen von den Siegermächten geteilt wurde. Beide deutsche Staaten gehörten jeweils den feindlichen Blöcken des Kalten Krieges an. Im Spätherbst 1989, als die Freiheit die Oberhand gewann und die Menschen die Angst verloren hatten, erwies sich schnell, dass die große Mehrheit der DDR-Bürger/-innen die deutsche Einheit wollte. So prägten die Perspektive der Einheit und der Streit, wie diese zu erreichen wäre, schon auf dem Weg zur freien Wahl die öffentliche Debatte.

Die im Spätsommer 1989 aus den kleinen Gruppen der demokratischen Opposition entstandenen Bewegungen und Parteien, die in der Friedlichen Revolution zu den wesentlichen politischen Kräften wurden, kämpften für Freiheit und Demokratie. In der Frage der Einheit waren sie gespalten. Als die Frage nach dem Weg zur Einheit Anfang 1990 mehr und mehr ins Zentrum rückte, verloren diese Kräfte immer mehr an Rückhalt. Die Menschen in der DDR schauten zunehmend nach Westen, setzten ihre Hoffnungen auf die Bundesregierung mit Helmut Kohl an der Spitze. Die Koalitionsparteien in der Bundesrepublik verbündeten sich nach anfänglichen Bedenken mit den Blockparteien in der DDR, die bis dahin fest an der Seite der SED gestanden hatten. So gewannen diese haushoch die ersten freien Wahlen, hatte doch die westdeutsche Bundesregierung diesen alle Unterstützung zugesagt, vor allem die Währungsunion. Allein die neu gegründete Sozialdemokratie war sowohl im Herbst 1989 wie im Prozess der Einheit 1990 eine gestaltende Kraft.

Die erste in der DDR frei gewählte Regierung übernahm nun den Wählerauftrag, die deutsche Einheit anzustreben – und damit sich selbst abzuschaffen. In den 2+4-Verhandlungen galt es, die Akzeptanz der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs für die Einheit zu erhalten. Hier waren schwierige sicherheitspolitische Fragen zu lösen. Mit der Bundesregierung wurden die nötigen Verträge verhandelt, der zur Währungsunion wie der zur Vereinigung beider deutschen Staaten. Es galt ja, die völlig anders strukturierte und gestaltete Gesellschaft der DDR in die Rechtsstrukturen der Bundesrepublik einzugliedern. Hier gab es vielfältige Diskussionen. Sollte wirklich einfach alles aus dem Westen übernommen werden? War im Osten wirklich alles schlecht? Konnte nicht auch Neues entstehen?

Die Verhandlungen waren umstritten und von der DDR-Bevölkerung selbst wenig geachtet. Bei vielen galten sie als Zeitverschwendung und Verzögerung der Einheit. Gleichzeitig waren sie von der manchmal gnadenlosen Dominanz des Westens geprägt. Das Ergebnis dieser Verhandlungen und der Entscheidungen der am 18. März gewählten Volkskammer war die deutsche Einheit am 3. Oktober 1990.

Was auch immer sonst gesagt werden kann, der Weg in die Einheit war der aufrechte Gang der DDR-Bürgerinnen und Bürger in diese von ihnen gewünschte Einheit. Auch wenn nicht alle Träume wahr wurden, ist es doch die Glücksstunde der Deutschen im 20. Jahrhundert zu nennen: wir Deutschen in Freiheit und Demokratie vereint, mit der Zustimmung unserer Nachbarn, und das 45 Jahre, nachdem wir so viel Schrecken über ganz Europa gebracht hatten! Welch ein Grund zur Dankbarkeit!“