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Dr. Petra Erler, Staatssekretärin im Amt des Ministerpräsidenten der letzten Regierung der DDR

„Zweimal konnte ich bei großen historischen Entscheidungen mit zupacken, was ein großes Glück ist, selbst wenn es bedeutete, sich im Wortsinn überflüssig zu machen: im deutschen Einigungsprozess und bei der Osterweiterung.

Beides hat mich verändert. 1990 habe ich dafür gekämpft, dass ostdeutsche Interessen im Einigungsvertrag und in den EG-Beschlüssen soweit als möglich gewahrt und geschützt wurden. Das kollidierte an vielen Punkten mit damaligen westdeutschen Interessen, aber es war mir gleichgültig, dass ich am Tag der Einheit arbeitslos werden würde. Mir gelang es nicht, alles durchzusetzen, was wichtig war. Geblieben ist eine große Dankbarkeit gegenüber allen, die damals der deutschen Einigung zustimmen mussten: die USA, die damalige Sowjetunion und alle EG-Länder. Niemand tat das leichten Herzens, aber am Ende überwog die Solidarität mit unserem Land. Ich habe Vertreterinnen und Vertreter dieser Länder, aber auch der Kommission und des Parlaments als neugierige und verständnisvolle Partnerinnen und Partner erlebt. Im deutschen Kontext war das sehr viel schwieriger, aber auch da gab es Ausnahmen.

Bei der EU-Osterweiterung ging es um ein politisches Anliegen, das wir 1990 im Koalitionsvertrag niedergelegt hatten. „Meine“ Länder waren Polen und die drei baltischen Staaten. Nur die Esten galten als sichere Kandidaten. 1990 aber hatte ich gelernt, dass mit großem persönlichen Einsatz und wechselseitigem Vertrauen nahezu Unmögliches wahr werden kann. Polen, Lettland und Litauen haben mich für meinen Beitrag zu ihrer EU-Mitgliedschaft 2004 geehrt.

Unvergesslich ist mir die irische Feier zur Osterweiterung 2004. Sie fand am gleichen Ort statt, an dem ich schon einmal war, als Teil der DDR-Delegation zum Gipfel 1990. Langsam wurden 25 Flaggen gehisst, während ein Kinderchor auf Deutsch die „Ode an die Freude“ sang. Ausnahmslos jeder, der östlich der Elbe geboren wurde, hatte Tränen in den Augen. Damals fühlte ich genau, dass ich immer zu diesem Teil Europas gehören werde, aber auch, welch großes Geschenk die europäische Integration uns Deutschen gemacht hat. Ich begriff, dass jedes politische Projekt auf tönernen Füßen steht, wenn es nicht die Herzen der Menschen erreicht.

Heute ist die Ost-West-Spaltung in der EU, die damals in Dublin aufschien, nicht überwunden. Eine Ursache liegt im Dünkel alter EU-Mitgliedstaaten. Sie haben gar nicht das Gefühl, dass ihnen nützliche Erfahrungen fehlen. Auch Deutschland hat nach der Einigung nur unzureichend von den ostdeutschen Erfahrungen Gebrauch gemacht. Unvermindert besorgt mich der Zustand der EU. Die Hoffnung des Jahres 1990 auf einen großen europäischen Friedensbund ist nicht verwirklicht. Den Zustand unserer Welt, die von Rivalität, Konflikten und Kriegen gezeichnet ist, finde ich alarmierend. So lässt sich das Überleben der Menschheit als Zivilisation nicht sichern. Die Klimarettung und die Abwendung einer Nuklearkatastrophe können nur gelingen, wenn die Menschheit alle Anstrengungen darauf konzentriert. Ich hoffe, dass junge Menschen das erkennen und danach handeln, als Wählerinnen und Wähler, als Patriotinnen und Patrioten, als Erdenbürgerinnen und Erdenbürger.“