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28.09.2019 | Dresden

Freiheit ist nichts Selbstverständliches. Sie muss jeden Tag neu erobert werden

Dies ist die Botschaft, die nicht nur wir Jugendreporter aus Prag wieder mit nach Hause nehmen. Dort erinnerte die deutsche Botschaft mit einem „Fest der Freiheit“ am 28. September an die Geschehnisse im Herbst vor 30 Jahren. Und auch wenn die Gespräche und Begegnungen mit vielen Gästen, Zeitzeugen und Interessierten ganz individuell waren, hatten sie doch alle dieselbe Kernaussage: den unschätzbaren Wert von Freiheit. So erlebten wir einen sehr eindrucksvollen Tag im Gespräch mit Menschen, die die Bedeutung und den Wert der Freiheit selbst erlebten.

Als Preisträger des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten hatten wir die einmalige Chance, an der Gedenkveranstaltung der Kommission 30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit „Zug der Freiheit“ teilzunehmen. Wir begleiteten die Veranstaltung als Jugendreporter und hatten die Aufgabe, vor allem Zeitzeugen zu interviewen und Erlebtes von vor 30 Jahren festzuhalten.

Bahnsteig

Der Tag begann früh: Um 7 Uhr trafen wir uns in Dresden am Hauptbahnhof, um zusammen mit anderen Schüler*innen, Studierenden und – am wichtigsten – den Zeitzeug*innen in einen historischer Tag nach Prag zu steigen. Doch es war nicht irgendein beliebiger Zug. Vielmehr waren es dieselben Waggons, die auch vor genau 30 Jahren eingesetzt worden waren, um die Botschaftsflüchtlinge von Prag nach Hof zu bringen. Während der knapp dreistündigen Fahrt hatten wir Gelegenheit, erste spannende Gespräche mit Zeitzeug*innen zu führen und auch den Zug genauer zu entdecken, inklusive des originalen Mitropa-Speisewagens. Wir sprachen mit sehr unterschiedlichen Personen, nicht nur Botschaftsflüchtlingen, sondern auch mit Fluchthelfern und mit ehemaligen DDR-Bürgern, die schon vor 1989 über die innerdeutsche Grenze ausgereist waren. In den Gesprächen wurde uns immer wieder von den ganz persönlichen Fluchtgründen berichtet und wir bekamen vielfach Eindrücke davon vermittelt, wie in der DDR Menschen, die sich dem System nicht anpassen wollten, unterdrückt und schikaniert wurden: Welche Konsequenzen ertragen werden mussten, nur weil man sich nicht komplett dem System und der Parteilinie untergeordnet hatte.

Und wir erfuhren, wie der Staat schon in frühen Jahren in die Zukunft der Einzelnen eingriff, z.B. durch die Verhinderung des Schulabschlusses und des Studiums. Ein weiteres wichtiges Thema in den Interviews war die Flucht bzw. Ausreise im Einzelnen. An diesen historischen Tagen Ende September 1989 ging es mit dem Zug aus Prag über Dresden nach Hof. Die Zugfahrt führte quer durch die DDR, womit die DDR-Führung ein letztes Mal ihre Macht beweisen wollte und so einen letzten Versuch unternahm, den Menschen Angst und Schrecken einzujagen. Aber das gelang nicht ganz: Zwar konnten wir in den Gesprächen merken, dass die Zugfahrt und besonders auch die letzte Kontrolle durch Stasi-Mitarbeiter für die Zeitzeug*innen emotional noch heute sehr belastend ist, jedoch erregte die Zugfahrt gleichzeitig auch Aufmerksamkeit in der DDR-Bevölkerung.

Zugfahrgäste

Die Interviews mit den Zeitzeug*innen waren so spannend, dass die Zugfahrt wie im Fluge verging. Am Bahnhof Prag Libeň wurde der historische Zug dann vom deutschen Botschafter in Tschechien erwartet sowie von weiteren Persönlichkeiten, die damals persönlich involviert waren, z.B. vom damaligen Kanzleramtsminister Rudolf Seiters und vom Beauftragten der Stasi-Unterlagenbehörde Roland Jahn. Auch viele Kamerateams und Journalisten erwarteten uns. Nach kurzen, emotionalen Ansprachen wurde dann am Bahnhofseingang die Gedenktafel „Über Prag in die Freiheit“ enthüllt. Anschließend erlebten wir ein kleines Abenteuer: Ein ebenfalls historischer roter Bus holte uns am Bahnhof ab und fuhr uns zur Botschaft, eine ziemlich wackelige Fahrt. Zusammen mit den Zeitzeugen und anderen geladenen Gästen erreichten wir die Botschaft. Dort liefen bereits die Vorbereitungen für das „Fest der Freiheit“ am Nachmittag. Wir durften dann mit den damaligen Botschaftsflüchtlingen, dem damaligen Kanzleramtsminister Seiters und weiteren Akteuren der Geschichte am Empfang des deutschen Botschafters teilnehmen.

Neben den teilweise sehr emotionalen Reden wurde dann außerdem in den angrenzenden Räumen eine Ausstellung zu den Geschehnissen in der Prager Botschaft im Herbst 1989 eröffnet, in die wir anschließend einen Blick warfen. Auch diese Ausstellung war ein guter Ort, um immer wieder mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen. Uns wurde deutlich, dass nicht nur wir das Interesse hatten ins Gespräch zu kommen, sondern auch die Zeitzeugen oft die Chance nutzten, um an unsere junge Generation die Botschaft der Freiheit weiterzugeben. So hörten wir mehr als einmal Ermutigungen und Ratschläge bezüglich Demokratie und Engagement für die Freiheit und nicht zuletzt auch Plädoyers für Mut und Willensstärke.

Zugfahrgäste

Direkt angrenzend zum Kuppelsaal, in dem der Empfang stattfand, befindet sich der berühmte Balkon: der Ort, an dem ein großer Teil der jungen deutschen Geschichte geschrieben wurde. So betraten wir mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Begeisterung den berühmt gewordenen Balkon, den wir zuvor nur aus Geschichtsbüchern und Dokumentationen kannten. Da standen wir nun an genau der Stelle, an der Hans-Dietrich Genscher fast auf den Tag genau vor 30 Jahren seine berühmte Ansprache hielt: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“. Vor uns die Gedenktafel, die an seine berühmten Worte erinnert und darüber informiert, dass er zu etwa 4.000 Botschaftsflüchtlingen sprach – eine unglaubliche Zahl, die für uns umso beeindruckender wurde, weil wir vom Balkon aus Genschers Aussicht auf den durchaus nicht kleinen Botschaftsgarten nachvollziehen konnten. Dass in diesem Garten 4.000 Menschen Zuflucht gefunden haben, wirkte aus diesem Blickwinkel noch beeindruckender, und es war ein bewegendes Gefühl, dort zu stehen, wo sich ein entscheidender Meilenstein der Deutschen Wiedervereinigung abgespielt hatte. Die verbleibende Zeit, bis das offizielle und auch für die breite Öffentlichkeit offene Fest begann, nutzten wir, um uns ein wenig im Botschaftsgarten umzuschauen. Hier waren verschiedene Zelte mit Ausstellungen, Büchern, Essen und auch originalgetreu nachgestellten Schlafgelegenheiten aufgebaut.

Es waren immer wieder die einzelnen kleinen Fakten und Anekdoten von Zeitzeug*innen, die uns zum Staunen brachten. So schliefen bis zu 44 Personen in einem recht kleinen Zelt in Etagenbetten und teilten sich teilweise zu dritt oder viert ein einzelnes Bett. Sich das vorzustellen, war für uns eine Herausforderung, aber gleichzeitig wieder einmal auch die Chance, unseren eigenen Horizont zu erweitern – wie so oft an diesem Tag. Was nach diesem Tag bleibt, ist die Aufgabe die Geschichten weiterzutragen und ein Gefühl, welches nicht nur alle Anwesenden an dem Tag vereint, sondern vielleicht sogar alle Bürgerinnen und Bürger Deutschlands, alle Menschen auf dieser Welt: die Bedeutung von Freiheit und Demokratie. Besonders auch die Botschaft, dass es sich immer lohnt dafür zu kämpfen – in welcher Form auch immer. Der Kampf für die Freiheit geschieht nicht nur in der Geschichte und vor 30 Jahren, sondern eben alltäglich und überall auf der Welt.

Michael Schmitzer, Henri Karaski und Riekje Buseman

Fotos: ARIAN RASSOUL
Kamera: Tim Waber (Video)

Schülerreporter/innen sind deutschlandweit während des gesamten Jubiläumsjahres auf den Veranstaltungen aktiv und interviewen Zeitzeugen. Sie veröffentlichen ihre Ergebnisse und Erfahrungen in Blogbeiträgen und Videos. Ziel ist es den Austausch zwischen den Generationen zu vertiefen und gegenseitiges Verständnis zu stärken.