Gedenkgottesdienst zum 30jährigen Mauerfall in der Gethsemanekirche in Berlin Mitte
09.10.2019 | Berlin

Nacht der Lichter: „Nicht wegsehen“

„Nicht wegsehen“ war die zentrale Botschaft, die Bischof Dröge bei der Gedenkveranstaltung am 9. Oktober 2019 in der Berliner Gethsemanekirche allen mitgab. In der Gethsemanekirche wurde im Rahmen des Jubiläumsjahres der Proteste der Friedlichen Revolution vor genau dreißig Jahren gedacht. „Hinschauen und standhalten im friedlichen Protest gegen Ungerechtigkeit, Hass und Gewalt, Engagement zeigen für das Richtige“, sei damals wie heute wichtig, sagte Dröge.

Gedenkgottesdienst zum 30jährigen Mauerfall in der Gethsemanekirche in Berlin Mitte.

Im Prozess der Friedlichen Revolution und Deutschen Einheit kam der Gethsemanekirche am Prenzlauer Berg in Berlin im Wendejahr eine wesentliche Bedeutung zu. Den Ereignissen wird jährlich – und in diesem Jahr im Rahmen des dreißigjährigen Jubiläums der Wiedervereinigung im besonderen Maße – gedacht: Hier hatten Anfang Oktober 1989 Mitglieder des Weißenseer Friedenskreises, der Umwelt-Bibliothek und der Kirche von Unten zu Mahnwachen anlässlich des ungewissen Schicksals in Leipzig inhaftierter Demonstranten aufgerufen. Tausende Kerzen, Fastenaktionen und Fürbittenandachten für die Freilassung der politisch Gefangenen waren Teil der friedlichen Solidaritätsbekundung der Bürger mit den Demonstranten in Leipzig – und dies im offiziell unpolitischen und damit vor den Polizeikräften sicheren Schutzraum der Kirche. Einen dramatischen Höhepunkt erfuhr das gemeinsame Beten hunderter Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Abend des 9. Oktober 1989. Nach langem Bangen traf abends um 18:35 Uhr in der Kirche die Nachricht ein, dass in Leipzig von der Polizei keine Gewalt ausgehen werde, sich die Sicherheitskräfte von den Montagsdemonstrationen in Leipzig zurückziehen und die 70.000 Demonstranten somit friedlich würden demonstrieren können. Die Erleichterung in der Gethsemanekirche war groß. Zum Gedenken an diesen Höhepunkt der gewaltfreien Proteste und der Botschaft „Es wird nicht geschossen“ läuteten in der Gethsemanekirche und überall in Deutschland Kirchenglocken.

Gedenkgottesdienst zum 30jährigen Mauerfall in der Gethsemanekirche in Berlin Mitte.

Die Gedenkfeier, an der auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident a. D. Matthias Platzeck teilnahmen, erinnerte auf eindrucksvolle Weise an die dramatischen Ereignisse von damals und die unveränderte Aktualität von Zivilcourage, Solidarität und friedlicher Revolte gegen Hass, Ausgrenzung und politische Verfolgung. So wurden Originalaufnahmen von den Protesten in Leipzig auf Bildschirmen gezeigt, die Schauspielerin Dagmar Biener las Zeitzeugenberichte aus dem Buch „Wachet und betet – Herbst ’89 in der Gethsemanekirche“. Drei junge Schauspielerinnen und Schauspieler wiederum – Isabella Heller, Lukas Huber und Lennar Hillmann – trugen Interviewsequenzen vor, die die Künstlerin Eva von Schirach in Gesprächen mit Jugendlichen zu den Themen Engagement, Aktivismus und Verantwortung im 21. Jahrhundert gesammelt hatte. In den Fürbitten waren schließlich alle Generationen vertreten, von der Initiatorin der Fastenaktion ’89, Angela Kunze, bis hin zur Berliner Initiatorin für Fridays for Future, Charlie Brodersen. Auch das Kerzenmeer von damals fand sich wieder: Hunderte Gäste stellten Lichtertüten an den Zaun vor der Kirche – auch in diesem Jahr im Gedenken an die politisch Inhaftierten von heute. Ihre Namen, Herkunft, Berufe und Dauer der Gefangenschaft waren im Rahmen einer Ausstellung von Amnesty International auf Plakaten am Äußeren der Kirche angebracht worden. Spätestens hier wurde die Bedeutung der Eingangsworte von Pfarrerin Jasmin El-Manhy präsent: Was sind wir bereit für die Freiheit einzusetzen?

Gedenkgottesdienst zum 30jährigen Mauerfall in der Gethsemanekirche in Berlin Mitte

Fotos: Karsten Thielker

Vollständige Aufnahme der Nacht der Lichter: