Deutschland im Gespräch

Veranstaltungsrückblicke

09.11.2019 | Berlin
Schülerreporter

Treffen mit Bürgerrechtler/innen

Jugendreporter Michael Schmitzer und Marvin Kalmbach

„Der Mensch vergisst. Damit er das nicht tut, brauchen wir Zeitzeugen“. Diesem Motto folgend fand am 9. November ein Mittagessen statt, bei dem sich internationale Bürgerrechtler als Zeitzeugen mit jungen Studierenden des Studiengangs „Public History“ an der FU Berlin und uns Jugendreportern austauschten. Als Vertreterin der Kommission „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“ nahm die Bundestagsabgeordnete Jana Schimke teil. Sie eröffnete das Gesprächsformat mit einer Ansprache, in der sie die jungen Menschen ermutigte, offen zu sein, und mit dem Eingangszitat an die Wichtigkeit von Zeitzeugen erinnerte.

Eine Revolution – viele Geschichten

Nach einer kurzen Vorstellung des Studienganges „Public History“ begann die Gesprächsrunde. Die Zeitzeugen und Zeitzeuginnen berichteten von sich und ihrer Rolle in der Friedlichen Revolution. Anwesend waren Kathrin Mahler Walther, die sich intensiv in der Bürgerrechtsbewegung und im organisierten Widerstand in der DDR engagierte sowie der gebürtige Ungar György Dalos, der unter anderem der Redaktion der ostdeutschen Untergrundzeitschrift „Ostkreuz“ angehörte. Auch Jan Faktor, ein tschechisch-deutscher Schriftsteller, der sich frühzeitig in der Untergrund-Literaturszene engagierte und 1989 Mitarbeiter des Rundbriefs des Neuen Forums war, erzählte von seinen Erfahrungen.

Ein generationenübergreifender Austausch

Während der verschiedenen Menügänge fanden viele bilaterale Gespräche zwischen den Studierenden und den Zeitzeugen statt, nach den Gängen gab es jeweils eine große Diskussionsrunde. Thematisiert wurde zunächst die fehlende Vernetzung zwischen den Oppositionsgruppen der verschiedenen osteuropäischen Länder. Wie die Zeitzeugen erklärten, gab es nur zwischen den Gruppierungen der DDR und der Tschechoslowakei einen regen Austausch.

Die Frage nach der Unterstützung und Akzeptanz in der Bevölkerung den Gruppierungen gegenüber wurde ebenfalls mit großem Interesse diskutiert. In den 1980er Jahren gingen viele Unterstützer mit wachsamen Blicken durch die Straßen und berichteten den Gruppen von allen Dingen, die ihnen potenziell helfen könnten. Sogar wenn sie in einem Laden größere Papierstapel sahen, wurde dies berichtet, da solche eher selten, aber dennoch essentiell für die Verbreitung der Oppositionszeitungen waren.

Überwachung und Widerstand

Doch wie war all das möglich, ohne dass die Staatssicherheit in großem Stil eingegriffen hat? Für Frau Mahler Walther spielte die Westpresse dabei eine entscheidende Rolle. Sie war zugleich Sprachrohr der Bewegung, da durch die Westmedien ein deutlich größeres Publikum auf beiden Seiten der Mauer erreicht werden konnte als durch die Verbreitung von Oppositionszeitschriften, und Schutz, da im Falle einer Intervention die ganze westliche Welt innerhalb kürzester Zeit davon erfahren hätte.

Auch die Schilderungen der Überwachung und der psychischen Repressalien der Stasi wurde im Raum mit großem Respekt den Zeitzeugen gegenüber aufgenommen: Aus dem Tagebuch musste sie, wie Frau Mahler-Walther erzählte, ihre Einträge regelmäßig herausreißen und verbrennen, damit sie nicht der Stasi in die Hände fielen.

Nach dem Essen waren die Studierenden wie auch wir nicht nur von der Nahrung gesättigt, sondern vor allem von den spannenden Einblicken, die die Zeitzeugen gaben.

Quer durch Berlin

Im Anschluss an die Gesprächsrunde hatten wir die Gelegenheit, mit den Bürgerrechtlern und den Studierenden an einer historischen Stadtrundfahrt zu Orten zu fahren, die während der Teilung Berlins und vor allem in der Wendezeit eine Rolle spielten. Vom S-Bahnhof Greifswalder Straße aus fuhren wir zunächst am Ernst-Thälmann-Park vorbei, in dem wir das kontroverse Thälmanndenkmal sahen. Anschließend führte uns die Strecke quer durch den Prenzlauer Berg, wo uns der Stadtführer interessante Blickwinkel auf den heute als schick geltenden Bezirk eröffnete: Nach dem Krieg waren die Gebäude im Prenzlauer Berg zerstört. Auch in der DDR verfielen diese oft weiter, da niemand in den alten, teilweise noch per Holzofen beheizten Gebäuden wohnen wollte, sondern lieber in den neuen Plattenbauten. Deshalb gab es im Prenzlauer Berg viele Hausbesetzungen. Schließlich passierten wir die Gethsemanekirche, die während der Friedlichen Revolution eine große Rolle spielte, indem sie Oppositionellen Zuflucht und einen Raum für ihr Wirken gab. So trafen wir dort auch eine Menschenmenge, die sich die im Rahmen der Festwoche „7 Tage 7 Orte“ vor der Kirche aufgestellte Ausstellung ansahen.

Nach kurzer Fahrt erreichten wir die Bösebrücke, über die bis 1990 die Grenze und somit auch die Mauer verlief. Auf ihr befand sich der Grenzübergang Bornholmer Straße, an dem am 9. November 1989 als erstes die Grenze in Berlin geöffnet wurde, wobei es laut unserem Stadtführer bereits vorher einige wenige Ausreisen am Grenzübergang Helmstedt-Marienborn gegeben haben soll. An der Bornholmer Straße stiegen wir aus dem Bus aus und machten ein Gruppenfoto. Auch hier befand sich eine Ausstellung und es liefen Vorbereitungen für eine Fest- und Gedenkveranstaltung am Abend.

Anschließend fuhren wir mit dem Bus weiter zur Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Hier, wo der Grenzstreifen teilweise immer noch erhalten ist, hatte am Vormittag ebenfalls eine Gedenkveranstaltung mit dem Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin stattgefunden. Beim Vorbeifahren sahen wir einerseits die noch erhaltenen Mauerreste und die Gedenkstätte, andererseits auch wieder viele Menschen, die sich in der dortigen permanenten Ausstellung mit der Geschichte dieses Ortes und der Teilung Deutschlands generell beschäftigten.

Einen weiteren Ort, der als Grenzübergangsstelle eine große Rolle spielte, bekamen wir anschließend im Vorbeifahren zu Gesicht: den Bahnhof Friedrichstraße mit dem Tränenpalast. An das Brandenburger Tor kamen wir aufgrund der Absperrungen für die zentrale Gedenkfeier am Abend nicht heran, deswegen endete unsere sehr lehrreiche Stadtrundfahrt bereits dort in der Nähe. Obwohl wir selbst in Berlin wohnen und uns intensiv mit der Stadtgeschichte auseinandergesetzt haben, eröffnete uns die Rundfahrt dennoch neue Blickwinkel. Einerseits beschäftigt man sich selten mit so vielen Orten der Geschichte an einem Tag und andererseits haben wir mehrmals gesehen, dass die Ausstellungen an ebendiesen Orten gut besucht waren, sodass das Thema offensichtlich viele Menschen bewegt. Noch deutlicher wurde dies am Abend bei der zentralen Gedenkveranstaltung am Brandenburger Tor, an der wir im Anschluss die Möglichkeit hatten teilzunehmen: Die Veranstaltung war so gut besucht, dass die Polizei die Eingänge schließen musste. Insgesamt waren über 100.000 Menschen anwesend und zelebrierten den Mauerfall.

Neue Perspektiven

Gemeinsam mit der Bundeskanzlerin, dem Bundespräsidenten und weiteren hochkarätigen Persönlichkeiten und Zeitzeugen verfolgten wir die Veranstaltung auf der Ehrentribüne. Abschließend war dieser Tag ein einmaliges Erlebnis, von dem wir viele Eindrücke und Momente mitnehmen konnten. Es ist – auch wenn man sich viel mit Geschichte beschäftigt – immer wieder etwas Besonderes, wenn man mit Zeitzeugen ins Gespräch kommt, die eigene Stadt etwas anders kennenlernt oder bei Gedenkveranstaltungen dabei sein darf. Die zentrale Gedenkveranstaltung gab dem Tag und seiner historischen Bedeutung einen ehrwürdigen Rahmen.