Deutschland im Gespräch – Online

1. September 2020, 19 Uhr

Gerecht verteilt? Rollenbilder und Einfluss in Deutschland nach 30 Jahren Einheit

Verschiedene Studien belegen, dass Ostdeutsche in politischen und gesellschaftlichen Führungspositionen deutschlandweit nicht entsprechend ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung vertreten sind, während der Anteil Westdeutscher in Ostdeutschland nach wie vor sehr hoch ist. So ist in Ostdeutschland nur knapp ein Viertel aller Spitzenpositionen in Verwaltung, Justiz, Medien und Wissenschaft mit Ostdeutschen besetzt. In der Politik finden sich dabei gleichwohl die meisten Ostdeutschen (mehr als 70 Prozent); in der Wirtschaft sind Leitungspositionen der ersten Führungsebene der größten 100 Unternehmen zu gut einem Drittel mit Ostdeutschen besetzt. Werden zusätzlich Managementpositionen oder das Alter der Führungskräfte berücksichtigt, steigt dieser Anteil weiter deutlich an.

Mit Blick auf Gesamtdeutschland ist die Präsenz Ostdeutscher geringer: Bei einem Bevölkerungsanteil von 17 Prozent haben Ostdeutsche nur 6 bis 8 Prozent der Führungspositionen inne. Auch hier ist der Anteil der Ostdeutschen in politischen Spitzenpositionen am höchsten; am niedrigsten ist er in Justiz, Wirtschaft und Bundeswehr. Für die Regierungskommission „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“ geht es hierbei nicht um Zahlen. Ihrer Ansicht nach bewegt das Thema die Menschen und es ist auch ein tatsächliches Problem der Demokratie und der Gerechtigkeit, wenn Bevölkerungsanteile systematisch unterrepräsentiert sind und damit zu wenig berücksichtigt werden können. Regionale Erfahrungen, Fähigkeiten und Wissen sowie in diesem Fall besonders die Transformationserfahrungen Ostdeutscher fehlen. Wichtig für Demokratie und die Akzeptanz von Institutionen ist es, dass sich die Vielfalt der Gesellschaft auch in den verschiedensten Führungspositionen angemessen widerspiegelt.

Aber wer und was verbirgt sich eigentlich hinter Führungspositionen oder mit einer anderen Bezeichnung unter dem Begriff „Elite“? Eine gemeinsame und akzeptierte Definition in Gesellschaft und Wissenschaft existiert nicht. Für unsere Diskussion lässt sich vor allem aus politikwissenschaftlicher Sicht festhalten, dass Eliten soziale Gruppen sind, die in bestimmten Feldern wie Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft, über besondere Handlungsmacht verfügen. Wer also in einer sozialen Gruppe, in einer Institution oder in einer Organisation mit einer Steuerungs- und Handlungskompetenz mit gesamtgesellschaftlicher Wirkung ausgestattet ist, wäre als Elite zu bezeichnen.

Empirische Studien zur Frage, warum es nur sehr wenige ostdeutsche Führungskräfte in Spitzenpositionen gibt, fehlen. Gemeinhin werden zwei Gründe aufgeführt. Einerseits wird dies als Folge der Art und Weise der Wiedervereinigung angesehen. Auf Grund des Beitrittes kam es zu einem starken Elitentransfer von West nach Ost. Andererseits ist der Anteil der sozialen Schichten, aus denen sich Eliten bilden, in Ostdeutschland geringer. Wird davon ausgegangen, dass sich Eliten in der Regel zudem aus sich selbst rekrutieren, scheint für Ostdeutsche ein Nachrücken somit erschwert.

Die Frage, ob es Maßnahmen gibt, um eine bessere Repräsentation von Ostdeutschen zu erreichen und wenn ja, welche, beschäftigt auch die Kommission. Einige Vorschläge sind gemacht, so zum Beispiel die der Einführung einer Quote. Nicht nur die Kommission sieht hier aber die Schwierigkeit, rechtssicher zu formulieren, was und wer genau ostdeutsch ist. Westdeutsche leben schon lange in Ostdeutschland, haben dort Familien gegründet; ebenso leben Ostdeutsche seit vielen Jahren in Westdeutschland. Was sind zum Beispiel die Kinder Ostdeutscher, die zum Studium oder Arbeiten in die alten Bundesländer gingen, dortblieben oder zurückkehrten – west- oder ostdeutsch?

Seitens der Kommission „30 Jahre Friedliche Revolution und Deutsche Einheit“ nahmen Dr. Ilko-Sascha Kowalczuk, Marco Wanderwitz und Antje Draheim i.V. von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig am Dialog teil.

Veranstaltungstermin: 1. September 2020
Anmeldefrist war der 28. August 2020.

Weiterführende Informationen zum Thema:

Artikel: Zwischen Austausch und Marginalisierung: Ostdeutsche in den Eliten nach der Vereinigung, Dossier „Lange Wege der Deutschen Einheit“. (Bundeszentrale für politische Bildung)

Forschungspapier: Ostdeutsche Eliten. Träume, Wirklichkeiten und Perspektiven [PDF] (Deutsche Gesellschaft e.V.)

Debatte im Deutschen Bundestag über eine Quote für Ostdeutsche in Bundesbehörden, 15. März 2017 (Bundestag)

Ausarbeitung des wissenschaftlichen Diensts des Deutschen Bundestags: Beteiligungsquote von Ostdeutschen in öffentlichen Funktionen der Exekutive (Bundestag)

Studie: Im vereinten Deutschland geboren – in den Einstellungen gespalten? OBS-Studie zur ersten Nachwendegeneration. (Otto Brenner Stiftung)